Reportage aus der CBZ 6/2001 – von
Detmar Hauke
Marqués de Campo Welche gräflichen Gedanken sich
um Denia’s „Kudamm“ ranken... Natürlich ist die
Prachtstraße des einstigen West-Berlin viel länger und breiter als die in Denia.
Sie ist kaum einen Kilometer lang und ziemlich schmal. Im Verkehrsaufkommen
jedoch kann sie sich durchaus mit ihrer großen Berliner Schwester messen,
jedenfalls in den Sommermonaten. Da empfiehlt es sich, beim Besuch eines der
vielen Straßencafés oder beim Schaufensterbummel ein Atemgerät mitzunehmen. Der
Abgasgestank ist barbarisch, die Parkplatznot ist fürchterlich. Das wissen auch die Verantwortlichen im Rathaus. Sie denken über
eine Lösung des Problems nach. Nur fürchten die meisten der Geschäftsinhaber
einen spürbaren Rückgang der Umsätze, wenn die Hauptstraße in eine
Fußgängerzone umgewandelt würde, und somit wird wohl alles bleiben, wie es ist.
Aber die Touristenheere, die in der Sommersaison unter den schattenspendenden
Platanen lustwandeln, kümmert das scheinbar wenig. Egal wie, man trifft sich
halt „auf der Marqués de Campo“ zum Frühschoppen, zum Kaffeeklatsch oder zum
Five-o’clock tea. Das war schon vor über einhundert Jahren so, und so wird es
auch in Zukunft sein.
Kein Kurfürst, nur ein Marqués Der Kurfürstendamm in Berlin hat eine große Vergangenheit, Denia’s Hauptstraße hält sich geschichtlich in Grenzen. 1917 wurde sie in ihrer heutigen Länge fertiggestellt und als „Calle Marqués de Campo“ eingeweiht zu Ehren eines Mannes, der enorm viel auch für Denia getan hatte. Don José Campo wurde 1814 in Valencia geboren und starb 1889 in Madrid. Ein Leben lang hat er für die Stadt und das Land Valencia sowie für sein Vaterland Spanien gedacht und gehandelt, er war ein liberaler, weltoffener Kapitalist. Ohne seinen Einfluß wäre vieles erst später oder gar nicht entstanden. Dafür wurde er, wie andere Zeitgenossen auch, vom König Alfonso XII. geadelt. Fortan durfte er sich Graf nennen. Von den vielen Verdiensten des Marqués de Campo sollen hier nur die wesentlichen für Denia und das weitere Umland beleuchtet werden. Gaslicht, Trinkwasser, Eisenbahn Er stammte aus einer Unternehmerfamilie und brachte es bis zum
großen Förderer von Valencia. Mit Unternehmergeist und Weitblick erkannte er
die Zeichen der Zeit, die stürmische industrielle Entwicklung im Ausland und
deren Folgen für Staat und Gesellschaft. Er dachte und plante weiträumig, somit
gelangte Denia mit seinem immer schon wichtigen Hafen und Hinterland in sein
unmittelbares Interesse, d.h. auch in die Überlegungen zur Ausweitung und
Ertragssteigerung seiner Geschäfte. Schon vorher war Denia bekannt und berühmt
wegen der Moskateller-Rosinen und der Marmeladen, die reißenden Absatz fanden
in den USA und besonders in England. Es herrschte ein reger Seehandel. Die aus
dem Ausland zurückkehrenden Schiffe brachten u.a. Modeartikel, Jagdwaffen, Tee
und neue Ideen an die Costa Blanca. Es war üblich, auf der Marqués de Campo aus
England importierten Tee zu trinken und die neueste Londoner Mode zu zeigen, während
an der Themse Rosinen und Marmeladen aus Denia begehrt waren. Wer etwas auf
sich hielt, der besaß ein Jagdgewehr aus Europas Norden. Auf Veranlassung des
Don Campo brachte eines der Schiffe eine komplette Gasfabrik hierher. Für
spanische Verhältnisse früh, nämlich 1886, wurde in Denia zum ersten Mal eine
öffentliche Gasbeleuchtung angezündet. Die Hauptstraße der damals etwa 10.000
Einwohner zählenden Kleinstadt hatte eine Beleuchtung. Der Marqués de Campo sorgte auch für den Bau einer Eisenbahnstrecke
nach Carcagente. So kamen die Handelswaren aus dem Hinterland schneller in den
Exporthafen Denia. In Valencia kümmerte er sich um das Zusammenwachsen
einzelner Bahnstrecken, um die Trinkwasserversorgung, um die Stadtentwicklung. Zwei Grafen, ein Gedanke Während der Graf de Campo mehr an die Region Valencia dachte, lag einem anderen Grafen, dem Marqués de Salamanca, ganz Spanien am Herzen. Er machte Madrid zu einer Weltstadt mit Straßenbeleuchtung, Theatern, Straßenbahn, Stierkampfarena, sein besonderes Interesse aber galt dem Eisenbahnbau im In- und Ausland. Davon profitierte das ganze Land mit spürbarem Wirtschaftsaufschwung. Beide gräflichen Großverdiener hatten im Grunde dieselbe Idee, nämlich sich selbst und ihr Vaterland zu bereichern. Das führt sogar soweit, dass der Marqués de Campo, listig wie er war, den Engländern das strategisch so überaus wichtige Gibraltar abluchsen wollte, jedoch nicht auf kriegerische Weise. Fünf Millionen Peseten bot er an, doch London wollte diese Felsenkolonie nicht verkaufen. Die Engländer waren schlauer als der spanische Graf, der den Felsen seinem Vaterland schenken wollte. Hätte es geklappt, dann hieße Gibraltar heute vielleicht „Peñon de Campo“. Pech gehabt, so lang es halt nur für einen Straßennamen.
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